Ideenjonglieren im Alltag
"Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky)


Samstag, März 01, 2003  

Gewohnheiten
Gewohnheiten, so wenn sie nicht einfach aus der Entdeckung wie praktisch eine Wiederholung doch ist entstanden sind, so tragen sie meistens ein Stück einer anderen Person mit.. Gewohnheiten sind jedesmal ein kleines Stück Erinnerung. Den Teil deiner Person, die in jedem kleinen Tun verinnerlicht wurde.
Von vielen weiß ich nicht mehr woher sie stammen, von anderen denke ich fast noch jedesmal an ihren Ursprung. Dann freue ich mich daß in meinem Alltag doch einige Menschen existieren – oder auch existiert haben.
Jedesmal wenn ich meine Wohnung verlasse brauche ich meinen Haustürschlüssel nicht mehr zu suchen, wie all die Jahre zuvor. Jedesmal wenn ich meine Wohnung betrete habe ich mir seit dir angewöhnt den Schlüssel innen im Schloß aufzubewahren. Hat nur dann eine kleine Schwierigkeit mehr, wenn man sich aussperrt. Ebenso simpel wie praktisch – danke, Mike.
Immer ein paar Teelichter zuhause zu haben, auch seit dir. Zaubert schnell Atmosphäre.
Die Art und Weise wie ich mein Handtuch um den Kopf schlage habe ich von dir, darin unterscheide ich mich von meiner Mutter und meiner Schwester. Auch daß ich eben jenes Duschgel noch immer mit besonderer Vorliebe benutze. Danke, André. Es ist nicht nur geblieben, weil du den Duft mochtest, sondern weil er zu mir passt. Nur noch zwei davon in meinem Badezimmerregal, vor einem dreivierteljahr traurig festgestellt, daß genau diese Marke in jener Duftzusammensetzung ausläuft und noch schnell vier oder fünfmal das Gleiche gekauft. An meine Haut lasse ich längst nicht mehr nur dich und CD. Gewohnheiten können bleiben.
Und schon so lange, ich erinnere mich an die bewußte Umlernphase, wie ich absichtlich meine Handschrift modifizierte: wie aus dem „ß“ ein schlichter geschwungener Schnörkel wurde, weg von dieser schulschriftartigen Letter, die mehr bauchiges „b“ war als ein weiches „ß“. Auch mein kleines „z“, in dieser alten Form mit einer ebenso geschwungenen Unterlänge fällt ab und an noch anderen auf. Auch das hab ich mir damals von dir abgeschaut und noch mit 21 meine Handschrift umgelernt, weil mir deine Buchstaben so gut gefielen. Ich hatte mich in deine Buchstaben und Briefe verliebt. Ob du immer noch so schreibst, Holger?
Es fiel mir letzte Woche zum ersten Mal auf. Seit kurzem. Ich weiß noch nicht obich es Gewohnheit nennen werde. Aber praktisch ist es, vor allem wenn gerade kein Geld da ist für eine neue Teekanne: Den Tee mit Kaffefilter aufgießen.. Möglicherweise werden jetzt alle Teetrinker laut „igitt“ schreien. Dann sagt mir was dagegen spricht; ich weis es nicht. Ich schmecke auch keinen Unterschied. Liegt vermutlich daran, daß meine Kaffeekanne und vor allem der Plastikfilteraufsatz einfach mehr Tee gesehen hat als Kaffee. Und Teefilter sind dreimal so teuer wie Kaffeefilter. Ist vermutlich Marketing. Oder Glaubenssache. Oder beides. Nebenbei: warum bin ich dann immer noch nicht auf Rasierklingen für Männer umgestiegen? Nur weil die Verpackung und die Farbe schöner ist das eineinhalbfache zahlen?
Und überhaupt: daß ich keinen Kaffee trinke, das war die erste verblüffende Feststellung einer gemeinsamen Gewohnheit. Gemeinsame Gewohnheiten verbinden. Nein, die Entdeckung gemeinsamer Gewohnheiten verbindet. Wie unmerklich sie manchmal mit den Menschen verschwinden. Das Wort „göttlich“ zum Beispiel. Für immer von Holger. „Grandios“ kann ich nicht benutzen oder lesen ohne daß ich in Gedanken eine Copyrightanfrage an Armin schicke. Neu: immer wenn ich „hervorragend“ irgendwo lese oder höre muß ich schmunzeln. Vor allem wenn ich mich ertappe etwas selber so zu bezeichnen. Eine winzige nicht unangenehme Peinlichkeit. Steht sie nicht immer am Beginn der Aneignung einer Gewohnheit? Weiter: Die Anrede „Freundliche Menschen“ und die vielen unverkennbaren Redewendungen meines früheren Profs, die zu kopieren wie viele ehemaligen Kommilitonen ich mir zu schade bin. Auch eine bwußte Entscheidung, Gewohnheiten nicht zu adaptieren, sie da zu lassen wo sie hingehören. Imitation vermeiden. „Albern“, ein Wort von mir. Ebenso angewöhnt wie gewöhnlich. Genau das ist es: eine Angwohnheit beschreitet die Grenze zwischen Gewöhnlichkeit und Individualität, vermutlich definiert sie diese sogar in großem Maße mit. Wie unmerklich gerade Sprache, gerade Wörter mit bestimmten Menschen verbunden sind, waren oder noch zu entdecken sind. Auch stets individuellen Moden und Zeiten unterworfen. Woher weiß ich, daß deine vermeintlich typischen Angewohnheiten nicht auch entliehen sind?

Wer andere in seinen Alltag lässt hat einfach mehr Möglichkeiten und Gelegenheiten nachahmend zu lernen. Praktisches wie Liebenswertes. Eigenes wie Seltsames.

posted by Catherine | 3/01/2003 07:54:00 AM
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