| Ideenjonglieren im Alltag "Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky) |
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Sonntag, März 16, 2003 Wortküche Herzschmerztablette (gefunden bei Pete) Eine Katze namens „Moustache“ (Schnurrbart) gefunden in meiner derzeitigen wunderbaren Lektüre „Kleine Schule des Karusselfahrens“ von Arno Geiger, welches wunderbare Formulierungen und Sprachspiele enthält Alte Liebe rostet nicht Sonniges Wetter ruft trotz Hustenkonzert und zig fliegenden Fröschen in Halshöhe nach draußen, mit Patricia und Sonja treffe ich mich vor diesem romantischen, leider derzeit wegen des wunderbaren Wetters und des freien Sonntags hoffnungslos überfüllten rot-weiß gestreiften Cafehaus-Bootes. Ihre Fahrräder vorbeischiebende Touristinnen amüsieren sich: „Schau! Daaaaa ist deine „Alte Liebe“!“ – sie zeigt auf das von Hand gepinselte Schild am Boot – „Wie schön, der Name! ...DAS ist deine alte Liebe in Köln! ... und meine alte Liebe? Wo ist sie nur?“ Der Himmel fährt sein blauestes Blau auf, die Wellen des Rheins unterschwappen mit einem steten angenehmen Geräuschden Steg zum Boot, ich ahne das Gefühl, das Seefahrer haben können, wenn sie nach langer Zeit auf dem Wasser einen ersten Landgang machen. Wenn das Schwingen an Deck nicht mehr ausbalanciert werden muß, in einem unbewußten Akt freilich, was das bewußte Laufen auf dem Festland dann umso seltsam unbalancierter aussehen läßt. Wunderschön altmodische Holzvertäfelung und ein goldschimmerndes Schild zur Damentoilette. Diese sympathische Mischung aus Patina und Dampfschiffsnoblesse. Gebohnertes Parkett. Aus der Küche ein Duft nach Waffeln, die auf einem massiven Klappschild in liebevoller Handschrift ausgeschrieben sind. „Frische Kuchen“ steht da und hätte ich Geld und würde ich nicht zumindest derzeit halbbewußt meine Ernährungsweise ohne Weizen einhalten, so würde ich zu gerne einen Apfelkuchen. Sicher gäbe es dort Apfelkuchen. Eine ältere Dame mit Silbertablett und Rundscchürzchen eilt an mir vorüber durch die Schwingtür zum Unterdeck. Wir wollen aber spazieren, das hier wird nur eine Toilettenpause, nichts weiter. Wir laufen neben zweiundzwanzig Skatern, 43 Radfahrern und 56 pensionierten älteren Herren vorbei – uns begegnen 23 Kinderwagen und 17 Kleinkinder, die den Arm ihrer Mütter in die Länge ziehen, die 13 verschiedenen Hunderassen nicht zu vergessen, deren Besitzer irgendwie immer sehr einfach daran auszumachen sind, daß Herrchen oder Frauchen in der Regel wenn auch nicht immer, so doch häufig den gleichen Friseur, aber zumindest den gleichen Geschmack zu haben. Kurz: es ist unangenehm voll, ein Promenieren und Flanieren auf der Rheinpromenade wird zum Sehen und Gesehenwerden. Ich frage mich dabei nur: von wem? Unermüdliche zündeten mal hier mal da ein Grillfeuer an, Rauschwaden mal hier mal da bezeugen derlei Aktivitäten. Einer der schmalen Schwaden in etwa 400m Entfernung wird immer schwärzer und schwärzer und wir, wieder bereits auf dem Rückweg, schütteln den Kopf über die Unvorsicht womöglich Benzin oder andere Schadstoffe zu verbrennen. Nach ein paar Minuten wird erschreckend deutlich: dort brennt etwas wohl unfreiwillig. Nur wenige Schritte weiter beschleicht mich die Erkenntnis, daß diese Flammen, die nach der nächsten Kurve sichtbar werden, diese wildwuchernden roten Flammen, die diese immer schwärzer werdende Rauchsäule verursachen, daß diese Flammen gerade dabei sind die „Alte Liebe“ zu verbrennen. Alte Liebe rostet nicht. Alte Liebe brennt in Schutt und Asche. Ich wohne einer livehaftigen Metapher bei. Mir sollte es mulmig werden. Ein bischen wird es das auch. Patricia weißt auf die Schaulustigen, die auf der Brücke stehen - wie Zierzähnchen an einer Häkeltischdecke, mehr Muster als Menschen. Metaphern und Mustern. Unwirklich. Angst habe ich keine. Ich bin sicher, daß keiner zu Schaden kam. Keine Sirenen zu hören. Nochnichteinmal Feuerwehr. Wie kann ein Feuer auf einem Schiff ausbrechen, das wahrscheinlich kaum volle Tanks hat? Wobei: gewachstes Holz ist sicherlich schwer zu löschen, oder? Die Löschwasserbögen zeichnen sich in den Himmel. Zwei mickrige Linien – das kann nicht helfen, denke ich. Ein merkwürdiges Schauspiel. Im Nachbarboot sitzen die alten Damen und Herren auf der Seite der Reeling zur „Alten Liebe“ hin, alle Sitze ausgerichtetr nach vorne, keiner sitzt einem anderen gegenüber. Live Action vor der Nase. Hey, schon mal ein brennendes Boot gesehen? Cool, Alter ... Mich schaudert es ein bischen, ich vergegenwärtige mir, daß ich noch keine halbe Stunde vorher die „Alte Liebe“ betreten habe und mir den Sommer gewünscht habe und ein Stück Apfelkuchen. Und ich bin traurig. Die Flammen lodern weiter, das Boot ist nur noch ein Gerippe, das gesamte obere Deck ist nur noch ein schwarzes Gerüst gerösteter Salzstangen. Alte Liebe rostet nicht, aber sie brennt. Seebestattung inclusive. Nachdem ich wieder zuhause ankam, keinen Kilometer von der ehemals Alten Liebe entfernt lese ich auch schon im Internet daß sie nicht mehr zu retten war und daß die Feuerwehr das Boot kontrolliert abbrennen ließ. Wie schade. (Berlin muß angesichts dieser Beschreibung einfach noch warten.) Jetzt hätte ich Lust zu telefonieren. Dabei wäre mir fast egal wer – ob Will, Mark, Marc oder Mirko ob Betty oder Pete, an die ich hiermit denke *lach bzw. teils auf den Anrufbeantworter gesprochen habe. Fundstücke aus den „13 ½ Leben des Käptn Blaubär“, das Buch, das Mirko mir geliehen hat, dessen Eddingmarkierungen sicher auch etwas aussagen über ihn, die ich hier nicht zitiere. Was MIR zugelaufen ist: „Die Gerüchteküchen, heute nur noch ein sogenanntes geflügeltes Wort, gab es in Atlantis wirklich. Es waren kleine Lokale, geführetvon ornischen Dünenunken, in denen man Gerüchte zu sich nehmen konnte. „Gekocht“ wurden die Gerüchte an großen runden Holztischen, an denen die Unken saßen, eifrig Zigartetten rauchten und vor sich hinmunkelten. So entstand nach und nach aus Gemunkel, kleinen Verleumdungen und unüberprüfbaren Behauptungen ein interessantes Gerücht, das man aufschnappen, mit nach Hause tragen und weiterverbreiten konnte, zum Beispiel, daß der Bürgermeister von Atlantis nachts heimlich aus Mülltonnen ißt.“ „Die restlichen wesentlich harmloseren Vampire unterteilten sich in Geruchs-, Gefühls- und Geräuschvampire. Geruchsvampire warenb zum Beispiel die extrem dünnen, etwa andertalb Meter langen Olfaktillen, die bis zu fünfzehn Nasen hatten. Diese ernährten sich ausschließlich von Körpergeruch jeder Art. Was zunächst etwas unappetitlich klingt war eine ausgesprochen praktische Sache: Wenn man nach einer sportlichen Betätigung stark nach Schweiß roch, genügte es, wenn sich eine Olfaktille für wenige Sekunden an einen schm,iegte und den Schweißgeruch durch ihre zahlreichen Nasen inhalierte – der unangenehme Geruch war danach komplett verschwunden. Es gab eine etwas unbeliebtere, wesentlich kleinerre Sorte von Olfaktillen mit nur vier Nasen, dafür aber mit acht Beinen, die auf schlechten Atem spezialisiert war und nachts auf die Gesichter von Schalfenden kletterte, um den Mundgeruch abzusaugen. Es konnte schockauslösend sein, nachts aufzuwachen und eine schnaufende Kleinolfaktille auf seinem Gesicht zu finden.“ Eine der schönsten Kreaturen in Zamonien finde ich nach wie vor den Zwiezwerg: „Zwiezwerge spazierten überall herum und stritten sich mit sich selbst. Es waren bemitleidenswerte Kreaturen aus der Gattung der Doppelwesen, die aus einem sprechenden Kopf und aeinem sprechenden Bauch bestanden, sie sich eigentlich immer uneins waren, egal worüber.“ posted by Catherine | 3/16/2003 01:07:00 PM
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