Ideenjonglieren im Alltag
"Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky)


Freitag, April 25, 2003  

26.04.03 Samstag. 2:18

Zu Fuß nach Hause. Es ist eine Sommernacht mit Sommerregen. Statt mit Gerald unterwegs zu sein, dessen sehr spontan ausgemachter Besuch er wieder abgesagt hat mit der fadenscheinigen Begründung, er hat das geplante Budget nun doch für „technisches Spielzeug“ ausgegeben. Nun, ich schrieb ihm auch schon meine Zweifel. Was haben wir überhaupt für Gemeinsamkeiten außer stundenlangen durchaus äußerst phantasievollen Chats? Das ist genau der Punkt: ich möchte mich auch mit jemandem in der Realität verstehen, die gleiche Sprache sprechen. Dazu gehört nunmal ein beträchtlicher Anteil an „Kultur“, ob Musik und oder Theater oder Kino oder Literatur, ein gewisses Bildungsinteresse, eine Wissensleidenschaft setze ich einfach voraus. Was ich bis jetzt von ihm weiß deutet keinesfalls daraufhin, daß wir uns wirklich mehr zu sagen haben. Hey, eine „Affaire“ ist mir über so eine Entfernung schlicht zu umständlich.
Mir begegnet ein interessant ausschauender Typ auf dem Nachhauseweg im Sommerregen, er lächelt mich im Vorbeigehen kurz an, es ist eher ein Grinsen – was ich oft ernte, wenn ich das rote Barret trage – ich grinse leicht verspätet zurück, das Bild ruckelt vorbei, es ist der Alkohol und die unerwartet warme Luft. Ich stelle mir vor, daß nicht nur ich mich nun nochmal umgedreht hätte, sondern er auch, um sich zu vergewissern, daß ich wirklich zurückgegrinst habe. Ich stelle mir vor wie sich dann unsere Blicke treffen würden. Ich würde sagen: „Weißt du was das heißt?“ Und er würde sagen „Nein – was denn?“ Und ich würde ganz sicher sagen: „Daß wir jetzt noch einen trinken gehen. Kommst du mit?“ Und er würde „Ja“ sagen und ich würde erfahren, daß es durchaus noch über das Netz hinaus Möglichkeiten gibt „einfach so“ jemanden kennenzulernen. Er hat nicht zurückgeguckt.
Ja, Armin, du hast recht – wenn nichts zurückkommt, dann vertrocknet jede Möglichkeit. Dieses Mögliche kann man zwar durchaus durch Fluten ureigener Phantasie wässern, doch die sind künstliche Rasensprengköpfe. Pubertäre Phantastereien. Wenn das Bild Desjenigenwelchen dann wie ein Bravo-Star-Schnitt im Kopf hängt und die Realität kein bischen damit zu tun hat, dann ist die Diagnose klar: unspezifische Sehnsucht manifestiert an zufälligem Objekt. Was befriedigt das Glücksgefühl Fans zu haben eigentlich wirklich?
Mir fällt diese wunderbare Geschichte ein („Kein Groupie“) von Selim Özdogan auf dessen Lesung ich übernächste Woche gehe (in „Trinkgeld vom Schicksal“) und ich würde zu gerne ihm endlich mal mitteilen, daß eine seiner wunderbaren Stories in meinem Diplom vorkam, das nun schon viel zu lange her ist um damit noch Staat zu machen – ja, eine geniale Idee in 4 Jahren ist definitiv zu wenig.
„Du sollst dir kein Bild machen“ – auch das fällt mir wieder ein und heute in Düsseldorf habe ich in den tiefsten Tiefen meiner web.de Mailbox tatsächlich den Text wiederentdeckt:

> Max Frisch
> DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN
>
> Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir
> lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn
> einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der
> Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der
> Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen
> Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt,
> sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem
> Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte.
> Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus
> jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das
> eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir
> lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.
> Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen,
> als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen
> und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All,
> wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen
> voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt- Nur
> die Liebe erträgt ihn so.
>
> Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die
> nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal, damit wir noch
> einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei.- Es ist
> ohnehin schon wenig genug. Unsere Meinung, dass wir das andere
> kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und
> Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind-
> nicht weil wie das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende,
> sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft
> sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es
> sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft auf,
> weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den
> Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind
> wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr
> lebendig sei. "Du bist nicht", sagt der Enttäuschte oder die
> Enttäuschte: "Wofür ich Dich gehalten habe." Und wofür hat man
> sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja
> immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde
> geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose,
> der Verrat. Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es
> dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem
> Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir,
> so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen -
> Ausgenommen, wenn wir lieben.
>
Ich habe heute zuviel über Mark geredet. „Über“ jemand reden – das heißt: diese Kamera zücken, das Leben ablaufen lassen wie ein Film, von dem man schon im Vorfeld weiß wo der Knick verborgen ist. Der Knick wo sich der Film, der noch in einer dunklen Spule ruht nicht entwickeln kann, bevor man ihn überhaupt eingespannt hat. Traurig, nicht? Es ist wie mit einem geschenkten Flugticket nach Burma nur nach Burma fliegen und dort im Hotel warten bis man wieder zurückfliegen muß. Alleine. Denn letztlich hat man ja nur das Ticket gekriegt ... Es war trotzdem ein schöner Abend, wenn ich mich auch erwischt habe wie ich in deiner Gegenwart dummes Zeug redete. Wer sich freiwilig nicht meldet kann zu nix überredet werden, oder gebe ich zu früh auf? Ich weiß nicht mehr wie das geht...
Alle in meiner Umgebung scheinen verliebt – oder so ähnlich. Scheinen jemanden Nahen zu haben. Haben Aufgaben, Ziele, kreative Lust, Lust auf Nähe. Ich möchte sie losbinden, meine Sehnsucht. Nur in ihrere Befreeiung kann sie wieder eingefangen werden. Flieg! Au mann, bin ich kitschig drauf heute ...
Das Chaos der letzten Wochen muß einfach noch warten. Müde. Gute Nacht.

posted by Catherine | 4/25/2003 06:03:00 PM
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