Ideenjonglieren im Alltag
"Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky)


Sonntag, Juli 20, 2003  

20.07.03
Das Leben – ein Hobby – zum Stück von Ingrid Lausund (zur Premiere vom 22.06.)
Zwei Theaterkarten gewonnen, wie schoen – und wie schade, Gina ist natürlich nicht in Koeln, Jeanne auch nicht und Manuel schon laengst nicht mehr. Da muss dann eine zufaellige Anzeigenbekanntschaft herhalten.
Auf der Karte steht „Ekstase“, im Programmheft harmloser und alltagslyrischer „Das Leben – ein Hobby“. In der Tat scheinen die Schauspieler eher Hobbyschauspieler zu sein und amateurhaft benehmen sie sich auf der brokarvorhangbekranzten Bühne auf der Bühne und sind mitten in den Proben für eine Amateuraufführung von Faust. Die klassisch-klischeehafte Arroganz des Laiendarstellers zeigt uns, den Profizuschauern, dass hier Profispieler den Spiess umdrehen und einmal zeigen wie sie, die Profis glauben, da? Amateure Theater spielen. Amateure „spielen“ ja letztlich noch, Profis „machen“ Theater. Dass wir es hier mit Spielen als Hauptthema zu tun haben wird im Titel – „Das Leben – ein Hobby“ klar. Das Setting – nur wer das Programmheft gelesen hat erkennt den miefigen 50er Jahre Saal mit Bühne, der in fast jedem Dorf im „Gasthaus zur Post“ haette geben koennen als „Freizeitraum im Altenheim für Junge Leute“, Kurprogramm wie Gruppentherapie und unspezifische Anwendungen eingeschlossenen. Diese verschiedenen Charaktere haben Zeit. Zeit zum Spielen. Ob Federball oder mit ungewoehnlichen instrumentalen Fertigkeiten glaenzen – hier ist es ein Banjo mit dem ein Bewohner der anderen Geduld strapaziert – oder sich Loewen ausdenken – die gelangweilte Gesellschaft überredet sogar den serioesen Fried-Gedichte-Zitierer sich eine Salatschüssel über den Kopf zu stülpen und sich eine Loewenjagd vorzustellen. Gruppenerzwungene Albernheit die ihm sichtlich Ueberwindung abfordert. Manche Erwachsene haben das Spielen verlernt. Manche werden alberner und kindischer je mehr Zeit sie haben – Spielen wird gezeigt als Ursprung einer jeden Idee.
Momente als waehnte man sich in einer Boulevardkomoedie werden durchbrochen mit aufblitzender Absurditaet und einer intensiven Szene mit Musik von Nick Cave, gleich im Anschluss an einen finnischen Sprachkurs mit chorischem Vorsagen und Nachsprechen der sehr fremden Woerter. Vieles wirkt unausgegaert, auch das Stück selbst ist improvisiert und der Schauspielerfahrene Zuschauer erkennt in fast jeder Szene die Ursprünge aus Improvisationsübungen von Keith Johnstone.
Starke und anrührend komische Momente gibt es wenn ein ausgegrenzter Bewohner gegen sich selbst Mensch aergere dich nicht spielt. Lachen erntet immer wieder der Running-Gag und der ebenso rührende Monolog des 30-somethings, der über seine stets scheiternden Beziehungen erzaehlt und sich dann statt dessen einen Hund anschaffen wollte: Dann im Tierheim vor der Verantwortung zurückschreckte: „Wie, was soll das heissen ... zweimal am Tag Gassi?!?!? Und wenn ich mal nicht kann? Wenn ich mal am Gassigehen verhindert sein sollte. Oder wenn ich mal nicht will. Wenn ich einfach mal nicht Gassi gehen will. Kommt doch vor, sowas, oder? Kommt doch vor. Ich tauschte den Hund um, noch bevor ich ihn bezahlt hatte. Ich dachte auch ein Hund kann kompliziert sein, auch da gibt es einiges worauf man vorbereitet sein sollte. Und dann besuchte ich den Pantomimekurs, um den Hund zu üben. ... Ja, nach der dritten Stunde hab ich ihn mit nach Hause genommen. Er war noch nicht so ganz wie ich ihn mir vorgestellt hatte, aber ich wusste ja, es ist nur ein Probehund. Das hab ich ihm auch ganz klar gesagt. Ich hab gesagt „Wehe, du bist kompliziert, du bist ein Haeufchen Luft und ich kann dich jederzeit konsequenzlos durch den Ventilator beseitigen!“. Das Hobby als Probe für den Ernstfall Leben.
Ein distinguierter aelterer Herr zeigt dass er unerwarteterweise auch aus sich herausgehen kann und bringt seinen Heimkollegen Sirtaki bei. „Stellen Sie sich einfach vor, dass Sie nur zwei Beine haben! – so einfach sei das.
Doch das Leben ist nicht einfach, wenn man auf das Hobbyleben zwangsversetzt wird. Der aeltere steife Wissenschaftler blitzt zunaechst bei der klischeehaften Amerikanerin ab, die ihn dann doch ihrerseits spaeter selber anbaggert in offensichtlicher Ermangelung anderer Objekte der Begierde. Musik wie aus 60er Jahre Schmachtfetzen, im Fenster ein kitschiges Bergpanorama. Nur im Mittelteil – als die unvermeidlichen Blumenkübel neben der Bühne in diesem miefigen Saal explodieren und die einzige wirklich verrückte Protagonistin über die Bühne nachtwandelt ist die Irritation nicht mehr zu überspüren. Die Irritation über ein Stück, das vermutlich in letzter Sekunde zusammengebastelt wurde bricht sich durch durchaus starke Momentaufnahmen. Warum sonst steht auf der Eintrittskarte noch ein falscher Titel – denn Ekstase war nirgendwo zu entdecken - wenn rechtzeitig ein Ende erreicht waere?. Weshalb gab es bis am Mittag vorher keinerlei Premierenankündigung über das Stück, auch nicht im Internet? Und vor allem warum sonst wurden wie beim Reinhoeren in den Gespraechen in der Pause und auch schon zu Anfang im Foyer zu erfahren war – bestimmt ein Viertel der Premierenkarten verlost?-Statt ekstatisch war das Leben ein Hobby, amüsanter Zeitvertreib, variantenreich und genauso harmlos..

posted by Catherine | 7/20/2003 05:42:00 AM
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