Ideenjonglieren im Alltag
"Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky)


Sonntag, August 10, 2003  

Pablo Neruda: aus dem "Buch der Fragen":

Diese wunderbare Inszenierung war wie ein live-Ausschnitt aus einem Greenaway-Film. Fleischig blasse Maenner gefesselt an 10m hohe rotierende Pendel. Die Gewaltaesthetik gebrochen durch tieftraurigen Fado-Gesang von durch das Publikum in einem Feuerreigen gefahrenen Gitterwagen auf dem in greenawayschen Kostümen irgendwo zwischen Spacig und Venedig weissgeschminkte Schauspielerinnen singen und daneben auf einem beweglichen Blütenstengel weitere Schauspieler festgezurrt im nicht vorhandenen Wind sachte hin- und herschwenken. Der Mensch als Grashalm. Merk-würdige Fragen gehaucht, gestoehnt, unter hoehnischem Gelaechter hervorgestossen:

Sag mir, ist die Rose nackt
oder ist dies ihr einziges Kleid?

Warum verbergen Baeume
die Grossartigkeit ihrer Wurzeln?

Wieviele Bienen gibt es wohl
an einem Tag?

Ist Friede der Friede einer Taube?
Führt der Leopard Krieg?

Ist die Sonne die Gleiche wie die Gestrige
oder ist dieses Feuer verschieden von jenem Feuer?

Wie teilen die Orangen
das Sonnenlicht auf im Orangenbaum?

Wo ist die Mitte des Ozeans?
Warum gehen die Wellen nie dorthin?

Wieviele Wochen sind in einem Tag
und wieviele Jahre in einem Monat?

Wen kann ich fragen, was zu vollbringen
ich in diese Welt kam?

Warum bewege ich mich, ohne es zu wollen
warum bin ich nicht faehig still zu sitzen?

Wie lange besteht ein Nashorn
nachdem es von Mitgefühl berührt wurde?

Was hat der Baum von der Erde gelernt
so da? er mit dem Himmel reden kann?

Wer war sie, die dich geliebt hat
in deinem Traum, als du schliefst?

Und der Vater, der in deinen Traeumen lebt
stirbt er wieder, wenn du erwachst?

Und welches ist der Name des Monats
der zwischen Dezember und Januar f?llt?

Woran haengt der Kolibri
seine strahlende Symmetrie?

Warum fragen mich die Wellen
die gleichen Fragen, die ich sie frage?

Wer kann das Meer überzeugen
vernünftig zu sein?

Wer befahl mir niederzureissen
die Tore meines eigenen Stolzes?

Lernen wir Freundlichkeit
oder die Maske der Freundlichkeit?

Wann liest der Schmetterling
was dahinfliegt, geschrieben auf seine Flügel?

Wenn alle Flüsse süss sind
woher hat der Ozean sein Salz?

enden in einem Bild, das überwaeltigt und zu Traenen rühren koennte waere da jemand mit dem ich es teilen koennte: die morbide Aesthetik des an diese Folterschaukel gezurrten Menschen, links und rechts davon die Grashalmmenschen und davor ein riessiger Stahlkorb, innen ein weiterer Loge, ein farradayscher Kaefig aus einem weit entfernt liegenden Jahrhundert, patiniert, der umzüngelt wird von Flammen. Die Musik steigert sich - ein Soundtrack der klingt als haette Michael Nyman Fado studiert und endet in einer Funkenwand. Ueberall sprühen Feuerwerke und in einem letzten Aufseufzen rieselt im Hintergrund wo auf einer Innenbühne der Eiserne Vorhang waere, um eben vor jenem Element zu schützen sanft und gefaehrlich zugleich - statt einem sanften Wasser- ein Feuerregen, so gleichmaessig wie diese 70er Jahre Tropfenvorhaenge die derzeit wieder in vielen Wohnungen haengen.

Meine Digitalkamera mokiert sich, dass der interene Spreicher leer ist. Wenn ich es inzwischen mal herausgefunden haette, dann haett ich auch schon laengst mal Bilder hier hinein gestellt. Zwischendurch bin ich so fasziniert, dass ich das Fotografieren vergesse. Neben mir ein Vierergrüppchen, ein unglaublich schmaler Typ mit Hose auf der nicht vorhandenen Hüfte wie ein Taenzer sieht der aus und wenn er keinen gezirbelten Ziegenbart haette koennte er mir sehr gefallen mit seiner braunen glatten Haut und dem sehr geschmeidigen Gang. Auch sein Begleiter sieht sympathisch aus, wie ein Musiker, einer der garantiert nur oekologisch korrekt sich ernaehrt. Deren beide Begleiterinnen sind bestimmt auf der Schauspielschule, sie haben so etwas was nur Schüler im ersten oder maximal zweiten Jahr haben: meine Gefühle müssen einfach auf eine exaltierte Art und Weise raus. Das ganze Leben ist Bühne. Ich mag sowas. Es ist trotzdem, zumindest bei einer der beiden sehr authentisch. Sie sieht auf den ersten Blick sehr gut aus, blonde lange Locken. Frauen mit blonden langen Locken sehen zun?chst immer gut aus. Doch ihr Gesicht ist Durchschnitt. Ueberraschend langweilig und uninteressant. Dazu interessante fliessende Klamotten. Zwei Saetze gewechselt, leider entsteht keine Unterhaltung mit den beiden Typen. Schade, die haette ich gerne kennengelernt.

Mal wieder alleine unterwegs. Armin traf ich zwar kurz vor Beginn, er musste aber noch dringend seine Freundin abholen.

"Beziehungen sind nunmal wichtiger" sagte er mehrfach.
Ich: "Wenn ich die Tragweite deines Satzes ganz ganz nah an mich ranlassen würde, dann müsste ich mich schon laengst umgebracht haben"

Das Wort klingt komisch aus meinem Mund, ich benutze es zum ersten Mal. nein, nicht dass ich wirklich darüber nachdenke. Ich suchte nur etwas starkes, treffendes - und als Metapher trifft es. Denn es trifft mich wie ein Loch in der Luft - ein Loch ohne Sauerstoff. Wer liebt mich? Wen liebe ich? Liebe ich mich? Wann liebe wenigstens ich mich? Wer liebt mich wenn nicht meine Freunde?

"Beziehungen sind endlich. Freundschaften bleiben" sagte ich vorher - und er sieht das genau umgekehrt.

Wenn ich mich jetzt auch noch von den Freunden verabschiede die so denken, dann ... diesen Gedanken treibe ich aus meinen Augen. Ich brauche doch auch Naehe, Waerme, Sicherheit dass etwas überdauert, Zuverlaessigkeit. Wir verabschieden uns ohne jegliche Berührung. Ich streife alleine über den Platz vor Veranstaltungsbeginn. Kurz vor Schluss springt mich überrschend jemand an und küsst mich rechts und links auf die Wange. Ich fasse sie erst mal an den Schultern und fast filmisch positioniere ich sie ein paar Zentimeter vor mich, dennich habe keine Ahnung wer sich da sooo sehr über meine Anwesenheit freut "wie ein junger Hund" würde ich fast sagen, wenn ich Hunde lieben würde - es ist Doris, eine Bekannte von Mike, die ich sympathisch finde, die quirlig und lebendig ist, mit der ich ausser einem privaten Gespraech aber noch nie wirklich was geteilt habe. Die unbedingt mit mir in Kontakt bleiben will und im gleichen Atemzug als sie das vor einem halben Jahr sagte, meinte sie hat ja sooo viele Freundschaften, auch wenn sie die nur einmal im Jahr sieht... Finde ich voellig merkwürdig wie sie mich umarmt als sei ich eine verschollene Freundin und ich in einer Stimmung in Traenen auszubrechen und in den Arm genommen zu werden. Natürlich ist sie nicht alleine da. Ich ahne die da hinter ihr ist Gisela, die in Wirklichkeit noch einen viel schrecklicheren Vornamen hat, verwerfe es wieder, da sie keinerlei Anstalten macht mich zu erkennen und hallo zu sagen. Gisela, die ich von Anfang an nicht mochte und erst recht nicht als Mike von ihr schwaermte und mich im Unklaren liess über alles. Gisela, die für mich sowas wie der Anfangspunkt der Aufdecken der Lügerei war. Einige Erinnerungen an vorletztes Jahr überschwemmen mich, das Theaterspektakel wo ich auch alleinegelassen wurde, wo ich mit Mike verabredet war und er sich mittendrin zu seiner Affaire begab und mich alleine sitzen liess. Bilder überschwemmen mich. Doris wendet sich ohne mich zu ihrer Gruppe einzuladen wieder ab. Ich stehe am Rande, am Ende der Vorstellung ist der Rand für mich. Ich stehe im Abseits, immer wieder wie früher. Integration geht nur über die, die noch steht, die anderen sitzen schon auf Doris Decke. Die, die noch steht redet gerade mit den Sitzenden und dann erkenne ich sie doch: es ist Gisela. Ich, ich bin wenigstens ein hoeflicher Mensch und sage: "Hallo Gisela - ich hab dich jetzt erst erkannt!" Sie, verhaermtes Gesicht und wie immer hart im Nehmen und in der Stimme (und bei ihr interessiert es mich einfach kein bischen was hinter dieser Haerte steckt, da muss etwas dahinterstecken, aber es ist mir superegal): "Ach neeeee - echt nich???", sehr laut, sehr blechern. "Nein, du siehst so anders aus" sage ich - "nur jetzt, an der Stimme - da hab ich dich erkannt" - und ich ernte einen veraechtlichen Blick von ihr. Na super, das ist ja teenyhaft - warum sagt sie mir denn nicht zuerst "Hallo" wenn sie mich erkannt hat??? Nun, Mike kann das ja auch nicht mehr, wie aermlich, wie wahnsinnig aermlich. In diesen ganzen Verhaltensweisen steckt noch soviel ungeloestes. Das macht mein Herz schwer, doch ich muss es versuchen dort zu lassen wo es hingehoert: bei Mike. Es ist traurig wenn er nicht mehr damit umgehen kann, ich darf die Gründe nicht noch einmal aufzurollen versuchen, denn das, das würde mich wieder runterziehen. Deshalb belass ich es nun dabei und rufe mir nochmal die wunderbare Inszenierung in Erinnerung.

Oder den gestrigen Abend - ein "netter" Abend. "Warum hast du keinen Freund? Du bist doch so ein nettes Maedchen. Und du schaust nett aus!" (Jan) Nett. *lach ... N E T T ... tz - mir kann es aber auch keiner rechtmachen! Tja, warum nicht?

posted by Catherine | 8/10/2003 04:19:00 PM
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