Ideenjonglieren im Alltag
"Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky)


Montag, September 15, 2003  

Herbst sind immer Tode - ein Besuch auf dem Friedhof Melaten

Die Stimmung ist ruhig, friedvoll, keineswegs traurig oder bederückt. Ein wunderschoener Spaetsommertag, nein, Frühherbsttag und ich habe Zeit - heute frei - und schlendere nachdem ich nun offziell in meiner neuen Wohnung wohne über den Melatenfriedhof, den ich bisher nur zweimal ganz kurz besucht habe. Leider habe ich keine Kamera dabei, so dass ich meine Eindrücke ungefiltert durch den Sucher auffangen muss und moechte.

Eine begrünspante Metallskulptur eines Engels faellt mir auf, fast lebensgross, die eher aussieht wie gegossen oder ursprünglich aus Marmor so unmetallisch wirken die fliessenden Bewegungen, die dennoch mitten in der segnenden Geste eingefroren sind. DOch so warm das Grün. Der Arm der Figur ist kurz hinter dem Handgelent bis zur Haelfte zum Ellenbogen aufgebogen, elegant rollt sich das Metall fast auf, ein merkwürdig unfreiwilliger Anblick in einen holen Arm.

Schoene Skulpturen, merkwürdige Stille herrscht in jenem Teil wo die Hecken labyrinthartig verlaufen. Ich verlasse die Hauptweg, laufe auf Laub zwischen den Graebern, sehr alten Grabstaetten, den letzten Ruhestaetten, ein schoenes Wort so mancher Famielien deren Namen man kaum noch lesen kann. Ein Name eingepraegt, neben ihm das seiner Frau ohne Sterbedatum und links daneben eins ehr frisches Grab mit vielen Blumen und ein Kreuz nochmal ihr Name.

Dann da vorne wieder ein Grab wo irgendjemand eine braune Plastikbank davor aufgestellt hat. Das ist sehr merkwürdig. Habe ich noch nirgendwo gesehen. Wieso sollte man vor einem Grab so lange sitzen? Und dann noch auf einer Plastikbank?

Die schwarzen Monumentalplatten sind schon ein bischen zum Fürchten- so schmal und hoch - wenn die auf einen drauf kippen ...? Ich muss ein kichern unterdrücken, alles so schwarz wei? hier und die Szene in meinem Kopf passte gut in einen Dick und Doof-Film.

Ich denke an diese andere Szene in dem unglaublichen Buch "Fünf Tage, fünf Naechte" von Janice Deaner welches ich foermlich verschlungen habe in den letzten Tagen, wo sie ihren bei einer Explosion verschollenen Bruder wieder ausgraebt.

Hier - dieses Grab das hat auch eine Bank, eine Holzbank - es wirkt wie eine fr?oeliche Insel. An den niedrigen Baeumen drumherum haengen bunte Holzspielzeuge, sehr sch?ne Sachen, Holzmobile, ein Mond, Kinderspielzeug, selbstgebasteltes. Schoen, sehr schoen. Und ich sehe eine Art Vogelhaeuschen. Daran haengt ein in Folie eingeschweisstes Blatt mit handschriftlichen Notizen. Dieses Grab strahlt noch mehr Ruhe aus und ich schau auf die Inschrift - hier ist Hanna begraben - 1986-1998. Der an einem kleinen Kettchen am Vogelhaeuschen befestigte Brief sagt,. dass die vorherige Aufforderung Hanna Briefe zu schreiben und die hier einzuwerfen leider immer wieder von Fremden sabotiert wurde, die die Briefe herausgefischt haben.

Es ist so leichte Luft hier um diese Grabinszenierung, dass ich jetzt fast weinen muss. Das ist eine so schoene Idee, sie fasst genau das, was ich mir wünsche, an meinem Grab: ich wünsche mir einen Briefkasten, in den jeder Briefe an mich schreiben kann. Warum gibt es keine Friedhoefe, wo am Anfang Briefkaesten für alle Toten stehen? Ich finde das eine ganz ganz wunderbare Idee. Oder eine Brieftaube loszuschicken an meiner Beerdigung. Für die Leichtigkeit. Ich denke auch gerade an eine dieser Fragen aus dem Fragebogen auf Petes blog: Which song would you like to being played at your funural?

Im Stadtanzeiger vom Samstag eine klitzekleine Todesanzeige kommt mir in den Sinn, die mich auch merkwürdig berührt hat, als waere ich fast Zeugin dieser Szene gewesen:
"Meine liebe Freundin" steht da "Leni Riefenstahl als wir mein Silberherz, uns einmal zierlich auf dem Drachenfels bei Rhoendorf am Rhein umarmt haben, hast du mir zaertlich ins Oehrchen gesungen:
Wie ein Flaeschchen von edlem Wein sollst du mein liebes Schaetzerl sein
Dann tanz ichnach der Fiedel und sing für dich ein deutsches Liedl.
Ach, war das wunderschoen! Nach deinem Tode, liebe bezaubernde Leni,
liegt nun aber mein Herz kreuz und quer in traurigen Scherben.

Dein lieber Freund XXX aus Koeln
wird jedoch immer in vertraulicher Bewunderung an dich denken."

Es gruselt mich und ich denke an diesen Chanson von Friedrich Hollaender: Der Spuk persoenlich.

Darunter eine weitere, die mich eher mit Waerme erfüllt doch auch mit einem wenn auch kleineren Fragzeichen zurücklaesst:

"Er glaubte an Freundschaft und verlor seine Gesundheit.
Er glaubte an Ehrlichkeit und verlor seine Seele.

XXX , 56 Jahre ist tot. Ich bin unendlich traurig"

Es gaebe noch so viel zu schreiben ...
Ina war gerade kurz hier, ich finds schoen naeher zu ihr zu wohnen.

posted by Catherine | 9/15/2003 04:11:00 PM
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