| Ideenjonglieren im Alltag "Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky) |
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Donnerstag, September 25, 2003 Heut ist es amtlich: ihr koennt mir gratulieren: She’s the best. Praemiert für die meisten Abschlüsse am letzten Samstag. „Ich müsste mein Leben erfinden statt es zu erzaehlen“, so Isabelle Huppert in „Nach der Liebe“, einem Film den ich so schaute als sei es das erste Mal. Ein Film von dem ich nur noch in Erinnerung hatte da? André und ich ihn damals in B. angeschaut hatten, das einzige Mal gemeinsam im Kino. Es ist seltsam vorgestern innerhalb von wenigen Minuten erst mit einem Menschen zu sprechen, der genauso heisst wie Mike, wobei sein Vor- wie Nachname sehr haeufig ist – und danach mit einem der genau so heisst wie André mit dem ungewoehnlichen Nachnamen. Würde ich einen Roman schreiben so wüsste ich viele Anfaenge. Einer begoenne mit einem zufaelligen Anruf einer Frau, die als Telefonistin in einer Agentur arbeitet, bei der man Traeume bestellen kann. Ein anderer begoenne mit den Saetzen: Steven folgte den betrunkenen Stufen der Treppe zu seiner Wohnung im ersten Stock, seiner Wohnung genau über dem Bestattungsinstitut dessen breite Eingangstür ihn jedesmal an die morgendlichen Geraeusche erinnerte wenn die schwarze Limousine mit den verhangenen Heckfenstern davor parkte und die Heckklappe aufploppte und dann eine Pause folgte, der er nachlauschte – und dann – wenn dann endlich das leicht schabende Geraeusch zu hoeren war, er dann im Wissen sich jetzt nocheinmal umdrehen zu koennen, die Augen wieder zumachte. Nur einmal gab es kurze Zeit spaeter nocheinmal genau die gleichen Geraeusche als haette jemand eine Casette zurückgespult und sie nocheinmal ablaufen lassen. Als er hier eingezogen war hatte er sich dann noch immer eine ganze Weile gefragt warum ausgerechnet die Toten immer so früh morgens abgeholt werden mussten, sollte man nicht die Angehoerigen noch friedlich schlafen lassen, versunken in schoene Traeume, wo die Verstorbenen noch dazugehoerten in ihr Leben, noch dabeisassen und mit kleinen Kuchengabeln Erdbeeren mit Vanillesauce aufspiessten oder einfach nur sagten – "Ich hab dich lieb" oder "Ich brauche dich" oder einfach nur "Auf Wiedersehen"? Nach einem dreiviertel Jahr erst hatte er den Mut gefasst dem Geschaeftsinhaber, einen grossen stillen Mann, der immer mit schwarzem Stehkragen zu sehen war einen guten Tag zu wünschen – denn: was waere ein guter Tag für einen Bestatter? Noch einhalbes Jahr spaeter sprach er ihn im Hof bei den Mülleimern an. „Ein schoener Tag heute, nicht wahr?“ – so konnte man doch kein Gespraech eroeffnen mit einem, der jeden Tag Tote anzog und wusch und in Samt bettete, jemandem der mit den schlimmsten Tagen im Leben anderer Menschen Gescháefte machte? An jenem Tag brachte er gerade eine stinkende Mülltüte zum Sammeleimer des Hauses, es war die Hitze, die jeden Essensrest sehr schnell zersetzen liess und als er heute mittag vom Einkaufen nach Hause kam, nannte er seine Treppe tanzend, denn am Abend zuvor hatte er ein Maedchen geküsst und er fühlte sich trotz der Hitze innerlich erfrischt, er erinnerte sich wie er heute nacht diese Treppe foermlich hochschwebte ohne an der zweitletzten Stufe haengenzubleiben wie so oft. Ja, tanzend, das ist das richtige Wort für diese Stufen, von denen keine zwei die gleiche Breite hatten, die verirrte Wendeltreppenstufen in einer geraden Linie waren, die dadurch zu einer tanzenden Welle wurde und dem Aufgang eine Heiterkeit verliehen, die man auch chaotisch nennen konnte. Als er sich dann alleine in sein Bett legte lugte die Sonne schon durch die Jalousielamellen und malte seinen noch winterblassen Bauch streifig. Laechelnd schlief er dann ein und morgens wachte er auf ohne die vertrauten Geraeusche und er sprang entgegen seiner sonstigen Gewohnheit direkt unter die Dusche, den Fensterrahmen seines Flügelfensters liess er mit Schwung gegen den Rahmen poltern, heute mochte er ausnahmsweise die Musik irgendeiner Punkband, die wie immer deutlich zu hoeren war von der Wohnung schraeg gegenüber. Wo hatte er seine Hose hingelegt gestern nacht, da, da in der Hosentasche hinten hatte sie ihm ein Zigarettenblaettchen zugesteckt, es war noch da – das Blaettchen mit einer Telefonnummer, ihrer Telefonnummer. Sie wollte heute abend zu ihm kommen, er hatte versprochen ihr sein Leibgericht zu kochen. Noch mit nassen Haaren griff er nach der Mülltüte und lief nach unten, folgte beschwingt den mit jedem Tritt wechselnden Richtungen der Treppe - genauso kam ihm auch gerade sein Leben vor - und als er den schweren Schiebedeckel der Tonne nach hinten drückte um seine Mülltüte mit Schwung in ein dunkles Jenseits zu befoerdern, war einmal mehr einer jener Momente die ablaufen wie im Film, die spaeter in der Erinnerung aus Einzelbildern eingebrannt bleiben wie ein Relief in diese weiche traege Masse namens Gedaechtnis. Was er sah: Sein Mittelfinger der die dünne Plastiktüte durchbohrte. Die Plastiktüte in der Luft wie sie an jener Stelle des Zeigefingers aufplatzte. Den Bestattungsunternehmer in seinem Stehkragenhemd, der an der anderen Seite der Tonne neben ihm genau das gleiche versuchte. Das Bild wie zwei Tüten mitten in der Luft zwischen ihnen beiden zusammentrafen. Dann - wie bei diesen unglaublich schwierig herzustellenenden Fotografien, wo ein Pfeil in dem Moment wie er einen Apfel durchbohrt eingefroren wird - wie Fleischreste und zerknüllte Servietten, Schminktücher mit Make-up von Toten und Nagellackentfernerpads seiner letzten Freundin, ausrangierte Zahnbürsten und Stützstrümpfe und noch vieles in der Sekunde des Wahrnehmens nur riechbare – wie all diese Dinge die der Entsorgung harrten sich für einen Bruchteil einer Sekunde eingefroren in der Zeit in der Luft befanden und sich eben jenen Bruchteil spaeter auf ihm, seinen frischgeduschten Haaren, seinem Gesicht und Schulternund vor allem seinem schwarzen Anzug und seinen akurat nach hinten gekaemmten Haaren befanden. Er schaute seinen Nachbarn an, der Deckel der Tonne schob sich mit einem deutlichen plopp wieder in ihre Ausgangsposition ohne auch nur einen kleinen Teil des Unrats verschluckt zu haben, sie schien zu grinsen. Satt. Er grinste zurück, drehte sich zu dem Bestatter um. Haben Sie schoneinmal in die Augen eines Bestatters geschaut, der gerade von seinem eigenen Unrat und dem übel stinkenden Müll seines Nachbarn gesegnet worden ist? Aus dem Fenster von schraeg gegenüber setzte eine Punkband laut und deutlich mit dem Refrain ein „Heut ist ein guter Tag zum Ste-herben .... so macht das Leben keinen Spass ...“ Seit jenem Tag waren sein Hausnachbar und er beste Freunde. Und seit jenem in gemeinsamen Schneuzen in ein geteiltes Papeirtaschentuch endenden Lachanfall, begrüsste er ihn jedesmal auch wenn er ihn von weitem sah nur mit „Na, Nachbar – heute wieder einen guten Tag gehabt“? posted by Catherine | 9/25/2003 03:46:00 PM
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