Ideenjonglieren im Alltag
"Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky)


Montag, Oktober 20, 2003  

Gestern in Ehrenfeld

Der Mann hat recht. So wie er auf der roten Couch sitzt, sein Laptop auf dem Tisch, den riessigen Fernseher mit einem italienischen Sender immer im Hintergrund, vor sich 200 qm Arbeits- und Wohnflaeche, teuere Schreibtische, glasabgetrennte zwei Zimmer zum Wohnen, eins untervermietet und der Rest Arbeitsplaetze ohne Rechner und ohne Arbeit, wie im Aufbruch. Alles im Aufbruch. Ich verbrachte den spaeten Nachmittag bis abends in diesem nun mehr um die Haelfte auf 200 qm geschrumpften Atelier in einem Fabrikloft, erzaehlend – meistens er – zuhoerend und aufnehmend – vornehmlich ich. Er ist als autodidaktisch professionalisierter Grossbildprojektions-Künstler gerade auch am Rande des Abgrunds, eben weil die Eventagenturen genau nur noch von (studiertenund diplomierten und berufserfahrenen ) Praktikanten leben und seine Einzigartigkeit nicht zahlen koennen. Mir faellt auf, dass ich tatsaechlich durch das nichteingebundensein in eine feste Firma und das Nichtmehrkontaktpflegen zu meinen Verwandten in den letzten zwei Jahren nur aeusserst selten laengere Unterhaltungen fuehrte mit Menschen jenseits Mitte 40, fast gar keine.
Vieles was er sagt ist so blumig, dass ich ihn nicht verstehe, er schaut mich auch nur selten an und laechelt nur ein paar Mal wenn er von juengeren Maedchen erzaehlt, die er durch seine Internetaktivitaeten kennengelernt hat, sonst wirkt er verhaermt ein bischen, auch sehr sehr ernst. Dahinter allerdings eine ahnbare Vitalitaet, die ihn keineswegs wie 50 scheinen laesst.
Er wuerde mir eine Mitarbeit anbieten, wenn er koennte, sagt er, und erzaehlt von der Geldgier mancher Menschen und davon, dass man auch Durststrecken ausharren muss, dabei nie den Kontakt verlieren soll um bereit zu stehen, wenn „es“ wieder losgeht. Dass er fuer all die Agenturen gearbeitet hat, fuer die ich so gerne arbeiten wuerde. Fuer die Berliner und die Koelner auch sogar!
Und dass er mich nicht so einschaetze als ob ich resignieren wuerde und er mich auch nicht so einschaetzt dass ich immer so darben muesste wie jetzt. Wieviel er mich in zwei Stunden Unterhaltung einschaetzt. Und dass ihn Leute fuer arrogant halten wuerden, weil er sein Ding macht – auf mich wirkte er in Angesicht der Projekte die er gestaltet hat und in Anbetracht dessen was er pers?nlich schon erlebt hat eher bescheiden. Seine Einschaetzung macht mir Mut. Was sind schon eineinhalb Jahre sagt er zu mir, er hat erst so richtig angefangen als er 33 war, vorher auch immer nur das gemacht was ihm Spass machte.
Er erzaehlte wie er in Italien Laurie Anderson als Strassenmusikantin kennenlernte und sie dann einlud fuer ein gemeinsames kleines Projekt Ende der 70er. Und wie er dann nach Deutschland kam. „Kennst du den Film Solino?“ fragt er mich und ich nicke, „Das ist meine Geschichte“, sagt er und ich: „Ich hab ihn nicht gesehen, ich wei? nur wovon er handelt und hab den Trailer gesehen“ und er wiederholt: „Das ist die Geschichte von mir und meinem Bruder. Das Drehbuch hat eine Verwandte geschrieben. In der gedrehten Fassung wurde allerdings das Verhaeltnis von mir und meinem Bruder verzerrt, die erste Drehbuchfassung war da noch naeher an der wirklichen Geschichte.“
Er erzaehlte von seiner Ex-Frau, einer Kuenstlerin, die immer mit der Angst vor ihrer eigenen Genialitaet im Clinch lag, die sich stets uebersehen liess, obwohl sie sehr gut ist. Und das erste was er mir zeigte waren Bilder seiner Tochter, ein froehliches Maedchen, dass sicher zu beneiden ist so wie es aufwachsen durfte, mitten in einem Kuenstler- Fabrikloft mit Holzspielzeug und Waldorfschule und Eltern, die alles andere als spiessig sind.
Ich bewundere seine Mobilitaet. Wir reden ueber Wurzeln und wie viele andere Maenner, die ich kennenlernte, die ebenso wurzellos aufgewachsen sind werde ich wegen meiner sicheren Wurzeln beneidet, ein bischen. Meine „Heimat“, die mir keiner nehmen kann. Ich denke an Andre und Mike, die genau das an mir geschaetzt haben und ich konnte bis heute nicht herausfinden, ob und wie man das an mir oder an anderen beheimateten Menschen spuert oder ob es nur durch die Erzaehlung zu Tage tritt.
Er sagte: „Weisst du, es gibt Menschen, die haben einen unglaublich reichen Kopf. Doch die Verbindung zum Herzen stockt zu oft. Sie haben Angst vor ihrer eigenen Kraft, ihrer eigenen Genialitaet. Das ist zuweilen traurig.“ Es folgte eine lange Pause, dann nach einem Blick in die Ferne ein weiter zu mir, einer der wenigen. „Meine Frau, meine Ex-Frau ist AUCH so eine.“
„Du musst bereit sein – das ist alles!“ – und nur die, die das sind und nicht in andere Jobs abtauchen, die werden es schaffen. Denn die, die das tun, die wuerden ohnehin nie gut genug werden um frei zu arbeiten und letztlich frei zu sein fuer das was man tun will.
„Du kannst auch im Kleinen was bewegen; sei innerhalb der Grenzen kreativ und suche nach Loesungen, die dort moeglich sind, mach deinen jeweiligen Job immer so kreativ und gut wie moeglich! Tu das was du tun willst und was dir Spass macht, dann wird auch der Knoten platzen!“
Ich erzaehlte von meinem ersten Platz im Callcenter und im Erzaehlen wurde mir klar, dass ich mich dringendst da weg bewegen muss.
Als ich sein Atelier verliess war es schon lange dunkel und ich mit meinen Gedanken allein.
Der Mann hat recht.
Noch eine Erkenntnis: Haette er in seinem Profil die Wahrheit gesagt, er sei 50 und nicht 37, er haette zwei Kinder und nicht keines, so haette ich ihn vermutlich nicht getroffen.

Die Wahrheit befreit niemanden
„Es war einmal ein Mann, der sich verirrte und in das Land der Narren kam. Auf seinem Weg sah er die Leute, die voller Schrecken von einem Feld flohen, wo sie Weizen ernten wollten. „Im Feld ist ein Ungeheuer“, erzaehlten sie ihm. ER blickte hinueber und sah, dass es eine Wassermelone war.
Er erbot sich das Ungeheuer zu toeten, schnitt die Frucht von ihrem Stiel und machte sich sogleich daran sie zu verspeisen. Jetzt bekamen die Leute vor ihm noch groessere Angst, als sie vor der Mel?one gehabt hatten. Sie schrien: „Als naechstes wird er uns toeten, wenn wir ihn nicht schnellstens loswerden“, und jagten ihn mit ihren Heugabeln davon.
Wieder verirrte sich eines Tages ein Mann ins Land der Narren, und auch er begegnete Leuten, die sich vor einem vermeintlichen Ungeheuer fuerchteten. Aber statt ihnen seine Hilfe anzubieten, stimmte er ihnen zu dass es wohl sehr gefaehrlich sei, stahl sich vorsichtig mit ihnen von dannen und gewann so ihr Vertrauen. Er lebte lange Zeit bei ihnen bis er sich schliesslich Schritt fuer Schritt jene einfachen Tatsachen lehren konnte, die sie befaehigten, nicht nur ihre Angst vor Wassermelonen zu verlieren, sondern sie sogar selbst anzubauen.

(zitiert aus: Sheldon B. Kopp: „Triffst du Buddha unterwegs ...“)

genau deshalb mag ich inzwischen Menschen nicht mehr die immer hinausposaunen – vornehmlich in irgendwelchen Internet-Profilen oder Foren: „Ich bin einfach ZU ehrlich, meistens sogar so, dass es wehtut“ Mir geht Respekt ueber alles anstatt ein unerwuenschtes hingeschleudertes vermeintlich ehrliches Feedback, was nur den Ehrlichen stolz macht, sonst nix. Gar nix.

Sheldon B. Kopp faehrt fort:
„Die Wahrheit befreit niemanden; Einstellungen werden nicht durch Tatsachen veraendert. (...) Ich fuehle mich nicht dem Ethos verpflichtet jederzeit blindlings offen zu sein. (...) Ich weigere mich an der Brutalitaet teilzunehmen, die sich als unbeschraenkte Offenheit verkleidet. Die Philosophie des „hier und jetzt“, des „mach du deinen Kram, und ich mach meinen“ ist nicht mein Fall, es sein denn, ich bin bereit, die Konsequenzen meines Tuns zu tragen, vermeide es, andere unnoetig zu verletzen und weiss, dass ich immer wieder von Zeit zu Zeit immer wieder wie ein Toelpel handele, ganz gleich wie weit ich mich schon kenne.“

posted by Catherine | 10/20/2003 04:01:00 AM
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