Ideenjonglieren im Alltag
"Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky)


Montag, Dezember 01, 2003  

Big Daddy is watching you

"Ich fuehle mich beobachtet" - ein Satz den man als bloggerin sicherlich nicht einfach so schreiben kann. Was mir an diesem grauenhaften Wochenende alles zu Ohren gekommen ist wirft mich wieder zurueck in meine Teenyzeit. Macht mir auch ganz klar, wie der Blick in eine frischgewischte Scheibe, in der jeder Sonnenstrahl zehnfach leuchtet und man die Augen zublinzeln muss, ein wenig, um diese Klarheit nicht in ihrer ganzen Wucht zuzulassen.

Neben der Vermutung, dass ich zumindest einen mir bekannten anonymen Leser habe (nein, nicht meine Eltern) - oder faengt hiermit schon der Verfolgungswahn an? - ist mir eines klar geworden, warum ich das hier mache. Aus Liebe. Die sehr merkwuerdige Illusion in Liebe zu leben wenn ich meine Seele teile.

Als Kind hat mein Papa alles kontrolliert was ich tat, sagte und schrieb. Wenn mir meine Mutter erzaehlt dass er sie wieder ausspioniert, ihre Telefonate mithoert und ein Programm installiert hat wie in Grossraumbetrieben, wo jede Bewegung im Netz aufgezeichnet wird, wo er mit perversem Stolz eine private Mail meiner Schwester, die nur an meine Mutter gerichtet war, meiner Mutter zeigt und sich daran freut, dann bricht ein alter Schmerz wieder auf. Ich habe vieles verstanden, verziehen auch seit der Familienaufstellung im letzten Jahr. Auch schon vorher. Doch wenn ich solche Geschichten hoere am Telefon, dann packt mich die Enttaeuschung ueber meine eigene Familie mit ganzer Wucht. "Eheleute haben voreinander keine Geheimnisse" sagt er. Keinerlei Schuldbewusstsein. Wie oft habe ich mich frueher in meinem Tagebuch, das er selbstverstaendlich auch gelesen hat - und zuerst noch meiner Mutter in die Schuhe schob - direkt an ihn, den heimlichen Leser gewandt. Sogar wenn ich zeitweise die Zeit hatte mich in einem Pseudotagebuch harmlos ausgeschrieben. Ich glaube ja heute noch, es war ihm gleichgueltig und die Doppelung ist ihm nicht aufgefallen, hauptsache er hatte das Gefuehl etwas Verbotenes gelesen zu haben, recht egal, WAS da stand.

Generell der Reiz von Tagebuechern. Biographisch logisch, dass mich das Thema auch immer wieder kuenstlerisch beschaeftigt. Bis jetzt habe ich mich noch nicht getraut, vielleicht ja dieses Weihnachten, ihm den Roman "Der Schluessel" von Junichiro Tanizaki zu schenken?

Sicherlich schreibe ich auch aus Liebe zum Wort. Aus Liebe zu meinem Leben. Der Einbildung ihm hiermit einen Sockel zu schenken, ein Siegertreppchen, so wenn das wirkliche Leben schon keine bietet. Ausser ein Vorstellungsgespraech wo man mich auf Aussicht auf 11 EUR/h von A-Z durchleuchtet hat und mich noch durchleuchten wird. All die unerlaubten Fragen, von schwanger bis krank - welche Krankheit denn? was Schlimmes??? - bis Partei bis Gewerkschaft. Natuerlich muss ich noch eine Schufa-Auskunft und ein polizeiliches Fuehrungszeugnis ueber mich ergehen lassen. Nein, ich werde nicht mit Geld zu tun haben und fuer eine staatliche Behoerde arbeite ich auch nicht.

"Soll ich mich ausziehen? Nackt?" haette ich den beschlipsten Personalchef gerne gefragt. Statt dessen Schauspielkuenste und freundlich-loyal gelacht. Das kann ich wenigstens. Mir damit auch promt eine Zusage eingeholt er werde mich vorschlagen beim obersten Chef. "Ich wuerde mich sehr freuen, wenn es klappt" floetete ich beim Hinausgehen. Die armen Putzfrauen, die die Schleimspur wegwischen muessen....

Ich bin es satt. So satt. Wenn ich jedes halbe Jahr 1 Euro mehr verdiene, dann habe ich zur Pensionsgrenze wohl den Stundensatz erreicht, den ich mir vorstelle.

Geld ist Tabu. Falsch: Geld haben ist tabu. Keins haben auch. Deshalb unstillbare Neugierde.

Sex ist nicht mehr Tabu. Keinen Sex haben sehr wohl. Diese Neugierde befriedigt nun wirklich jeder Zeitschriftentitel. Ob Allegra, Cosmopolitan, Freundin oder Brigitte. Nicht zu vergessen Neon.

Glueck ist Tabu. Wie peinlich wenn man sich verliebt und der andere nich. Dann lieber nicht mehr melden, nicht wahr? Unglueck erst recht Tabu. Mit ungluecklichen Menschen kann man nicht feiern gehen. Die Spassgesellschaft, you know ...

"Ich bin Werber: ja, ein Weltverschmutzer. Ich bin der Typ, der Ihnen Scheisse verkauft. Der Sie von Sachen traeumen laesst, die Sie nie haben werden. ... Mein Amt ist es, Ihnen den Mund waessrig zu machen. In meinem Metier will keiner Ihr Glück, denn glückliche Menschen konsumieren nicht."
(Fredric Beigbeder in "39,90").

Heute ein wunderschoenes Buchobjekt gekauft, keine Schokolade, dafuer mit Nudelbuchstaben und spottbillig fuer die handgearbeitete Umverpackung der typographisch sehr witzig gestalteten Postkarten. Und bei der Telekom gekuendigt! Bewerbungen versendet.

Nach Hause gekommen. Den Telefonanschluss wieder freigeschaltet vorgefunden.
Ein Bad genommen. Gluecklicher geworden, wenigstens ein bischen.

posted by Catherine | 12/01/2003 11:54:00 AM
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