| Ideenjonglieren im Alltag "Erwarte nichts - heute: Das ist dein Leben!" (Tucholsky) |
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Montag, Dezember 29, 2003 Zurueck in Koeln. Ich mag nichts mehr als eine unaufgeraeumte Wohnung vorzufinden, die man in der Hetze der letztmoeglichen Minuten vor dem heiligen Abend - richtig, am 24.12. verlassen hat. Dem widme ich mich nun gleich. Zuvor zum gestrigen Abend: Platonov im Schauspielhaus Köln Ja, der Hauptdarsteller sieht verdammt hübsch aus. Beweglich, sensibel und doch nicht verweichlicht, sportlich und doch nicht muskelbepackt. Diese Aussage als vorerst aussagekraeftigste ueber das Stueck als solches stehen lassen. Vielleicht noch das Buehnenbild loben, ein zusammengewuerfeltes Sammelsurium des Lebens als ob eine Seele ein Antiquitaetenladen sei, dabei die bedeutungsschwangere Symbolik hoffentlich nie Peinlichkeit gebaeren lassen. Oh Weh - An dieser Grenze zuweilen haarscharf vorbeigeschrammt. Die Spielzeugeisenbahn, die beinahe eine weitere todessehnsuechtige Hauptdarstellerin samt nackter Babypuppe mit grotesk verdrehtem Kopf ueberfaehrt, weil sie sich emotionslos rezitierend auf die viel zu schmalen Schienen kauert. Die redundante Nacktheit, sicherlich - selten leider - mutig zuweilen, hauptsaechlich ueberfluessig, da bereits im Text angelegt und nicht gehoben, nur illustriert. Ein obwohl betagter Text doch tagesaktuell im Zeitalter der Tugend der Orientierungslosigkeit. Interesse wecken gelang dem Hauptcharakter - Michael Platonov - richtig, es war ein Stueck von Tschechov - ein Schmetterling der nichts fuer seine anziehende Huelle kann, der sich tragen laesst von Bluete zu Bluete. Dessen Anziehungskraft neben der Huelle zunaechst seine Leichtigkeit ist, die zunehmend in ein Leiden unter sich selbst wechselt. Dieser Wandel auch leider nur im Text hörbar und das in den ersten 15 Minuten auch selbst in der siebten Reihe nicht konstant. Die Seele ueber den Koerper finden. Ein choreographisch realisiertes Konzept was eben in jenen nahezu tanztheaterhaften Szenen Staerken hat. Doch muss dazu der Autor in persona im halbbuehnenhohen Himmel in sichelfoermiger Rampe gottgleich auf seine erschaffenen Schaefchen herunterblicken und wenn die Zeit vergeht sich die Haare grau einspruehen? Wuerde dazu keine Musik ertoenen waere es als reines Sprechtheater eine Unterstellung an die Minderintelligenz der Zuschauer. Einige verliessen die Vorstellung vor Ende. Achtung, es stirbt jetzt jemand - und der zuvor erschossene wird an einem Fangseil in den Himmel heim zum Autoren gezogen. Mit zuvielen Ausrufezeichen inszeniert faengt die Choreographie Blicke gerade in kleinen absurden Momenten, die eben nicht gradlinig interpretierbar erscheinen wie die schwierige Zubereitung einer Tasse Tee, auf dem Boden stehend, den Teebeutel an einem koerperlangen Faden erst ausbalancierend. Doch: Mit Tanztheaterzuschaueraugen gewann vor allem die Erkenntnis und das Anerkennen der Leistung wie Emotionen rein durch koerperliche Darstellung eben genau von aussen nach innen sichtbar gemacht werden koennen. Leider nur sichtbar, spuerbar jedoch in nur sehr vereinzelten Momenten. Momente in denen auf Kontrast gesetzt wird: starke Emotionen und Auseinandersetzungen der sich stets ueber Kreuz Liebenden in Minuten groesster Naehe, die choreographisch und still in groesstmoeglicher Entfernung - er rechts, sie links am Buehnenrand platziert ueber ein Mikrophon zur Sprache kommen. Emotionslos fast absurd plakativ die Schlusszene, der Tod Michaels wie er sich theaterblutgetraenkte Tuetchen ueber dem nackten Oberkoerper in dekorativen Rinnsaelen verteilt. Gestorben wurde hier viel wie in derlei klassischen Dramen ueblich. Der Gespraechsstoff erstarb jedoch sicherlich nicht nach dem - in Anbetracht der wenigen Zuschauer - akzeptablen Applaus. --- Genau wie Buchcharaktere um so fesselnder sind je mehr sie mit dem eigenen Leben zu tun haben (oder eben in voelligem Gegensatz ganz fremd sind und die Sehnsucht nach unitegrierten Teilen beinhalten) folgte ich zuweilen schmunzelnd und fasziniert den Aussagen Michael Platonovs - sein unschuldiges Schmetterlingsgebaren, der naive Egoismus einfach nur gluecklich zu leben, den man nur durch die Verbindung mit eben jener jugendlichen Naivitaet alles verzeiht. Ein Typ, der doch nichts dafuer kann, wenn er nicht nur zwischen Frauen und Freundschaften hin und herflattert, sondern so auf sein Glueck bedacht sich selbst dabei paradoxerweise fast vergisst, dass er nur durch die Spur an Leiden an der Liebe anderer im Bezug auf sich erst wieder dort ankommen koennte wo es von Anfang an hinzieht: bei sich selbst. Ob André, der genauso Schmetterling war und sich selbst sogar diese Vokabel waehlte, das inzwischen verinnerlicht hat werde ich wohl nie erfahren. Schade eigentlich. Und doch verfolge ich immer wieder laechelnd erstaunt dass er so einmalig wie ich damals dachte gar nicht hat sein koennen haette Tschechov ihn nicht schon viele viele Jahre zuvor beschrieben. posted by Catherine | 12/29/2003 05:59:00 AM
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